München erlebte um die Jahrhundertwende eine kulturelle Blütezeit, geprägt durch den Jugendstil, der Kunst, Architektur und Theater grundlegend veränderte. Zwei herausragende Ausstellungen widmen sich aktuell dieser Epoche: „Kunst und Bühne – Spielorte des Münchner Jugendstils“ im Deutschen Theatermuseum und „Jugendstil“ in der Kunsthalle München.
Die Ausstellung „Kunst und Bühne – Spielorte des Münchner Jugendstils“ im Deutschen Theatermuseum beleuchtet die tiefgreifenden Veränderungen in der Theaterästhetik um die Jahrhundertwende. Bis zum 23. März 2025 können Besucher noch erleben, wie München unter dem Einfluss der Jugendstil-Bewegung zu einem Zentrum der Theaterreform wurde.
In dieser Zeit forderten Künstler wie Richard Riemerschmid, Fritz Erler und Thomas Theodor Heine eine Erneuerung der Bühnenkunst. Sie lehnten die exakte Nachbildung der Wirklichkeit auf der Bühne ab und strebten nach neuen Ausdrucksformen, die den veränderten Sehgewohnheiten und dem Zeitgeist entsprachen. Ein herausragendes Beispiel dieser Reformbestrebungen ist das 1908 eröffnete Münchner Künstler-Theater auf der Theresienhöhe. Dieses Theater, mit seiner einzigartigen Reliefbühne, entstand durch die Zusammenarbeit einer jungen Künstlergeneration mit dem erfahrenen Architekten Max Littmann und gilt als stilbildend für den Aufbruch in die Moderne.
Mit Exponaten wie Architekturskizzen, Figurinen und 3D-Rekonstruktionen zeigt die Ausstellung die Innovationen im Bühnenbau und Design. Historische Spielorte wie das Schwabinger Schattenspiel-Theater und das Kabarett „Elf Scharfrichter“ werden dabei ebenfalls thematisiert.
Ergänzend zur Theaterperspektive lädt „Jugendstil. Made in Munich“ in der Kunsthalle München zu einer umfassenden Entdeckungsreise in die Welt des Jugendstils ein. Bis zum 23. März 2025 wird ein breiter Überblick über diese faszinierende Epoche geboten, die von etwa 1890 bis 1910 das Design, die Kunst und das Handwerk revolutionierte.
Die Präsentation beleuchtet Münchens herausragende Rolle als Wiege des Jugendstils in Deutschland. Mit einer Fülle an Exponaten aus Kunsthandwerk, Malerei, Grafik, Fotografie, Mode und Schmuck werden die visionären Ansätze einer Künstlergeneration vorgestellt, die um 1900 danach strebte, Kunst und Leben zu einer Einheit zu verschmelzen. Dabei wird deutlich, wie Reformideen jener Zeit – etwa Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und Demokratisierung von Kunst – bis heute relevant geblieben sind.
Die Besucher:innen werden in die Welt um 1900 entführt, unter anderem durch die Rekonstruktion eines Schwabinger Wohnhausinterieurs mit Entwürfen von Richard Riemerschmid. Dieses Ensemble verdeutlicht das Streben nach einem Gesamtkunstwerk, in dem alle Lebensbereiche künstlerisch durchdrungen sind. Ein weiteres Highlight ist Hermann Obrists berühmter Wandbehang Peitschenhieb, dessen dynamische Linienführung die Naturfaszination der Jugendstil-Künstler widerspiegelt. Die Natur diente dabei nicht nur als Inspirationsquelle, sondern wurde zunehmend stilisiert und abstrahiert – ein Wegbereiter der Moderne.
Aufbruch in die Moderne
Ein zentraler Aspekt ist auch der Dialog mit vergangenen Epochen. Werke wie Bernhard Pankoks elegante Möbelstücke oder Franz von Stucks Skulptur Speerschleudernde Amazone zeigen den Einfluss historischer Techniken und Formen. Gleichzeitig eröffnen fantasievolle Märchen- und Mythenwelten neue Perspektiven, besonders lebendig in Marionetten- und Schattenspielen. Der kulturelle Austausch wird ebenfalls thematisiert: Außereuropäische Motive und Techniken inspirierten Künstler wie Riemerschmid, dessen asiatisch beeinflusste Holzarbeiten ausgestellt sind.
Die gesellschaftliche Dimension des Jugendstils wird ebenfalls beleuchtet. In einer Zeit rasanter Industrialisierung bemühten sich Künstler, Kunst und Design für breite Käuferschichten zugänglich zu machen. Modular ergänzbare Möbel von Bruno Paul oder maschinell herstellbare Entwürfe Riemerschmids belegen den Anspruch, künstlerische Gestaltung mit Funktionalität und Erschwinglichkeit zu verbinden. Viele der gezeigten Werke stammen aus der renommierten Sammlung des Münchner Stadtmuseums und werden durch eine moderne Inszenierung von Bodo Sperlein zeitgemäß präsentiert.
Mit dieser umfassenden Schau gelingt es der Kunsthalle München, den Jugendstil in all seiner Vielseitigkeit darzustellen. Sie zeigt nicht nur die ästhetische Schönheit dieser Bewegung, sondern auch ihre gesellschaftliche Relevanz für heutige Fragen nach Gleichstellung und Nachhaltigkeit – ein beeindruckender Blick auf eine Epoche des Aufbruchs.
Gemeinsam mit der Ausstellung im Deutschen Theatermuseum bietet diese Präsentation eine einzigartige Möglichkeit, den Jugendstil aus unterschiedlichen Perspektiven zu erleben. Während das Theatermuseum Münchens Rolle in der Theaterreform beleuchtet, widmet sich die Kunsthalle der Breite und Vielseitigkeit des Jugendstils in Kunst und Alltag – ein sehenswerter Programmpunkt im Münchner Kulturkalender.
Titelbild: Fritz Erler, Rübezahl auf Reisen, 1897, Öl auf Leinwand, 150 × 450 cm © Münchner Stadtmuseum
Praktische Informationen
Kunst und Bühne. Spielorte des Münchner Jugendstils:
Deutsches Theatermuseum, Galeriestr. 4a, 80539 München, www.deutschestheatermuseum.de
Jugendstil. Made in Munich:
Kunsthalle München, Theatinerstraße 8, 80333 München, www.kunsthalle-muc.de




