ORNAMENTALE FÜLLE – Das Backhausen-Archiv in Wien

Die Ausstellung „Poesie des Ornaments“, die derzeit im Leopold Museum in Wien zu sehen ist, bietet einen faszinierenden Blick in das Backhausen-Archiv und das reiche textile Erbe dieses traditionsreichen Unternehmens. Die Firma Joh. Backhausen & Söhne wurde 1870 von Jakob Backhausen, einem aus dem deutschen Rheinland stammenden Unternehmer, gegründet, der in Wien mit der Produktion von Seidenstoffen begann. Seine Söhne Carl und Johann Backhausen führten das Unternehmen weiter und bauten es erheblich aus. Backhausen stattete prominente Wiener Gebäude wie das Parlament, das Rathaus, die Hofburg und die Wiener Oper mit edlen Stoffen aus und wurde so zu einem der führenden Textilunternehmen der österreichischen Monarchie. 

Zu den herausragenden Aspekten Backhausens zählt die enge Zusammenarbeit mit namhaften Künstlern und Designern der Wiener Moderne, darunter Kolo Moser, Otto Wagner, Josef Hoffmann und Josef Frank. Diese Kooperationen führten zu ikonischen Entwürfen, die heute als Klassiker des Jugendstils gelten. Backhausen war nicht nur in Österreich, sondern auch international erfolgreich, seine Stoffe wurden in weltberühmten Gebäuden wie der Santory Hall in Tokio oder dem Palais Stoclet in Brüssel verwendet.

Die Blütezeit der Wiener Textilindustrie erlebte Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, als Wien und Niederösterreich zu den führenden Textilzentren Europas zählten. Damals gab es in der Habsburger Monarchie mehr als 130 Baumwollspinnereien und rund 550 Webereien. Wien war ein Zentrum des industriellen Aufschwungs, der durch die Entwicklung von Maschinen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen noch gefördert wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielte die Textilindustrie in Wien und Umgebung eine zentrale Rolle. Vor allem in der Zeit der 1903 gegründeten Wiener Werkstätten florierte das Textilhandwerk. Diese Werkstätten spielten eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Jugendstils und der Gestaltung des modernen Lebensstils. Künstler und Designer wie Josef Hoffmann und Koloman Moser arbeiteten mit Herstellern wie Backhausen zusammen, um funktionale und ästhetisch anspruchsvolle Stoffe herzustellen.

Dem Unternehmen oblag die textile Ausstattung der prestigeträchtigsten Prachtbauten Wiens und es prägte die Wiener Moderne auf nationaler wie internationaler Ebene, indem es über viele Jahre hinweg verstand, Tradition und Avantgarde miteinander zu verweben.“

Diese Epoche wurde jedoch von mehreren Faktoren überschattet. Kriege, Wirtschaftskrisen und der technische Fortschritt führten zu einem allmählichen Niedergang der Textilindustrie. Die Wettbewerbsfähigkeit der Wiener Textilunternehmen wurde durch billigere Produkte aus dem Ausland stark beeinträchtigt. In der Folge verlagerten viele Betriebe ihre Produktion ins Ausland, vor allem nach Osteuropa und Asien, wo die Arbeitskräfte billiger waren. Der Niedergang dieser einst blühenden Industrie hatte nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Folgen, da viele traditionelle Produktionstechniken und das damit verbundene Know-how verloren gingen. Archive und Ausstellungen wie die im Leopold Museum tragen dazu bei, das Erbe dieser einst so bedeutenden Industrie zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf der Ornamentik und dem Zusammenspiel von Textilien und Architektur im Kontext der Wiener Moderne, mit einem besonderen Augenmerk auf die Zusammenarbeit des Unternehmens mit den führenden Künstlern und Designern jener Zeit.

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Winter is Coming Hand colored and printed stoneware, clear glaze, 2023 © Heidi Tarver
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Winter is Coming Hand colored and printed stoneware, clear glaze, 2023 © Heidi Tarver

großartige Beispiele der wiener moderne

Die Ausstellung ist somit nicht nur ein Werkschau des Textil-Unternehmens Backhausen und seiner bedeutenden Entwürfe, sondern auch eine Reflexion über die Rolle der textilen Kunst in der Gestaltung von Innenräumen. Die 250 gezeigten Exponate geben einen eindrucksvollen Überblick von den ersten Entwürfen bis zu den Neuauflagen der 1960er Jahre. Besonders interessant ist die Präsentation der Exponate im Zusammenspiel mit historischen Fotografien, die zeigen, wie diese Stoffe und Teppiche in den eleganten Interieurs der Wiener Moderne und darüber hinaus eingesetzt wurden. Backhausen leistete in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts einen essentiellen Beitrag zur Verwirklichung der von den Wiener Secessionisten propagierten Idee des Gesamtkunstwerks und kooperierte mit herausragenden Protagonist*innen der Wiener Moderne wie Joseph Maria Olbrich, Jutta Sika, Dagobert Peche, My Ullmann oder Otto Prutscher. Darüber hinaus etablierte sich Backhausen als Hauptlieferant der von Josef Hoffmann, Koloman Moser und Fritz Waerndorfer initiierten Wiener Werkstätte. Diese fruchtbare Symbiose gipfelte in den Ausstattungen von Architekturikonen wie dem Sanatorium Purkersdorf (1904/05), dem Palais Stoclet in Brüssel (1905–1911) und der VillaSkywa-Primavesi (1913–1915).

So sind sie Exponate folgerichtig ind er Ausstellung chronologisch geordnet und reichen von einem Entwurf aus dem Jahr 1878 bis zu den Entwürfen Josef Hoffmanns aus den 1960er Jahren, die die Wiederentdeckung des Wiener Jugendstils markieren. Die Gegenüberstellung von originalen Textilmustern und Fotografien von Interieurs bietet einen einzigartigen Einblick in die Raumauffassung der Zeit und zeigt, wie Stoffe nicht nur als funktionale Objekte, sondern als integrale Bestandteile eines Gesamtkunstwerks verstanden wurden. Das große Wandbild des Schreibzimmers im Sanatorium Purkersdorf, das mit Backhausen-Stoffen ausgestattet wurde, veranschaulicht die damalige Idee des Gesamtkunstwerks des Jugendstils und insebsoendere der Wiener Moderne von Josef Hoffmann und Koloman Moser. Das von Josef Hoffmann entworfene und 1904-1905 für den Industriellen Victor Zuckerkandl als Erholungsstätte für die Wiener Gesellschaft errichtete Gebäude wurde zu einem herausragenden Symbol für die Ideen der Wiener Werkstätte. Die Innenräume des Sanatoriums wurden nach den textilen Entwürfen Hoffmanns ausgestattet. Besonders hervorzuheben ist das Schreibzimmer, dessen Sitzmöbel mit Stoffen von Backhausen bezogen wurden. Diese Stoffe, die nicht nur ästhetische, sondern auch praktische Funktionen erfüllten, sind ein hervorragendes Beispiel für die Verschmelzung von Design und Funktionalität in der Wiener Moderne. Die Ausstellung im Leopold Museum stellt diese Textilien in den Kontext der damals revolutionären Raumgestaltung und zeigt, wie sie das Gesamtbild des Sanatoriums als Ort der Erholung und der Kunst prägten.

Ein weiterer Blick richtet sich auf das berühmte Cabaret Fledermaus, einen Treffpunkt der Wiener Künstlerszene, der 1907 von Fritz Waerndorfer, einem Mitbegründer der Wiener Werkstätte, ins Leben gerufen wurde. Die Inneneinrichtung des Cabarets, das auch als kultureller Salon und Treffpunkt diente, wurde ebenfalls von Josef Hoffmann entworfen. Backhausen fertigte für dieses Projekt mehrere Stoffe an, darunter einen markanten blauen Veloursteppich mit quadratischem Muster für den Boden des Hauptsaals. Dieser Raum, in dem sich die Bühne des Kabaretts befand, war ein wichtiges Zentrum der Wiener Avantgarde-Kunstszene, und die Stoffe von Backhausen trugen wesentlich zur künstlerischen Atmosphäre bei. Hoffmann entwarf auch Vorhänge für die Bühne, darunter das Dessin „Efeu“, das die floralen Motive der Wiener Werkstätte widerspiegelt. Die Kombination der Backhausen-Stoffe mit den künstlerischen Arbeiten von Hoffmann, Kokoschka und Czeschka macht das Cabaret Fledermaus zu einem herausragenden Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit von Künstlern und Textildesignern der Wiener Moderne.

Ein weiteres herausragendes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Backhausen und der Wiener Werkstätte ist das Palais Stoclet in Brüssel, das Josef Hoffmann zwischen 1905 und 1911 für den belgischen Industriellen Adolphe Stoclet errichtete. Das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende Gebäude gilt als Hoffmanns Hauptwerk. Hier befindet sich auch der berühmte Stoclet-Fries von Gustav Klimt. Backhausen fertigte die Teppiche des Palais nach Hoffmanns Entwürfen an, so auch für den Saal einen Veloursteppich (Dess. 7742) mit Oktogon- und Glockenblumendekor, der einen lebhaften Kontrast zum prächtigen geäderten Marmor bildet. Im langgestreckten Speisesaal bedeckt ein handgeknüpfter Teppich (Dess. 7537) das schillernde Schachbrettmuster des Bodens. Der edle schwarze Fond und die bandartigen Längsstreifen in Blau und Weiß verstärken den Raumeindruck.Die für das Palais angefertigten Teppiche wurden von Backhausen nach Hoffmanns Entwürfen hergestellt und trugen wesentlich zur Schaffung einer einzigartigen Atmosphäre bei. Besonders hervorzuheben ist der mit Oktogon- und Glockenblumenmotiven verzierte Veloursteppich, der in der Halle des Palais verlegt wurde. Der Teppich verstärkte den optischen Eindruck des prächtigen Marmorbodens und fügte sich nahtlos in das Gesamtkunstwerk ein. Weitere Teppiche im Speisesaal und anderen Bereichen des Palais ergänzten die kunstvolle Raumgestaltung und zeigten Backhausens Talent, Stoffe zu schaffen, die nicht nur perfekt mit Architektur und Design harmonierten, sondern geradezu eine Symbiose eingingen.

Textilkunst im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design und Raum

Die Wohnung der Familie Gallia in der Wohllebengasse 4 im Wiener Gemeindebezirk Wieden ist ein exquisites Beispiel für die Wohnkultur der Wiener Moderne. Moritz Gallia, Direktor der Gasglühlicht AG, und seine Frau Hermine Gallia, die 1904 von Gustav Klimt porträtiert wurde, beauftragten Josef Hoffmann 1912 mit der Ausstattung ihrer 700 m² großen Wohnung, um sich „at the forefront of fashion“ zu präsentieren. Das jüdische Sammlerehepaar förderte die Wiener Werkstätte und suchte den Kontakt zur Avantgarde. Für fünf Räume entwarf Hoffmann Teppiche, die von der Firma Backhausen ausgeführt wurden. Für das Boudoir schuf er die Wandbespannung (Dess. 8934) mit Rosenornamenten, jedes Zimmer erhielt einen anderen Teppich. Die Gallias waren Trendsetter, Einblicke in ihre Wohnung wurden in führenden Einrichtungszeitschriften wie Das Interieur, Innendekoration und Deutsche Kunst und Dekoration veröffentlicht. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten gelang es den Töchtern Margarete („Gretl“) und Käthe Gallia, einen Großteil des Inventars der Wiener Werkstätte nach Australien zu bringen, darunter die Hoffmann-Möbel, die Teppiche und das Klimt-Gemälde, das sich heute in der National Gallery in London befindet.

Die Ausstellung „Poesie des Ornaments“ zeigt nicht nur die besondere Verbindung von Künstlern, technischer Meisterschaft und unternehmerischem Know-How, sondern auch die enge Verbindung von Textilien und Architektur in der Wiener Moderne. Backhausens Werke waren nicht nur dekorative Elemente, sondern wesentliche Bestandteile der Raumgestaltung und trugen wesentlich zum Gesamtkunstwerk bei. Die Ausstellung im Leopold Museum macht dieses Zusammenspiel von Kunst, Design und Textilproduktion nachvollziehbar und zeigt, wie Stoffe und Teppiche zu einem unverwechselbaren Teil der Wiener Kunstgeschichte wurden.

Dennoch bleibt die spannende Frage, wie das Erbe dieser bedeutenden Textilkunst auch in Zukunft gewürdigt und zugänglich gemacht werden kann. Die Ausstellung im Leopold Museum ist ein wertvoller Schritt in diese Richtung, die Zukunft könnte aber auch verstärkt digitale Zugänge und die Einbindung in zeitgenössische Designprozesse beinhalten. Ein verstärktes Interesse an der Erhaltung solcher Archive könnte nicht nur die Geschichte der Wiener Moderne weiter erhellen, sondern auch dazu beitragen, textile Kunst in der Gegenwart wieder stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. In diesem Sinne wäre zu wünschen, dass die Ausstellung und das Backhausen-Archiv als Impuls für eine breitere Auseinandersetzung mit Textilkunst, insbesondere im Hinblick auf die Wechselwirkungen zwischen Kunst, Design und Raum, dienen. Archive dieser Art sollten in Zukunft verstärkt als kulturelle Schatzkammern und Inspirationsquellen genutzt werden, um die Relevanz der Textilkunst in der modernen Welt zu unterstreichen. Die Ausstellung im Leopold Museum leistet einen wertvollen Beitrag dazu, die Textilkunst und ihre Rolle in der Kunstgeschichte wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Praktische Informationen

HEIDI TARVER

Bildnachweis Titelbild: JOSEF HOFFMANN, Dess. 5113 & 5116, 1904 © Backhausen-Archiv, Vermächtnis von Frau Dr. Louise Kiesling, Dauerleihgabe im Leopold Museum | Foto: Backhausen-Archiv, Vermächtnis von Frau Dr. Louise Kiesling, Dauerleihgabe im Leopold Museum

www.heiditarver.com

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