Heidi Tarver: Geometrie und Farben in der Keramik

Die amerikanische Keramikkünstlerin Heidi Tarver verbindet geometrische Muster mit keramischen Formen auf außergewöhnliche und faszinierende Weise. Ihre Arbeiten zeichnen sich nicht nur durch meisterhafte Handwerkskunst, sondern auch durch eine besondere Vorliebe für die Ästhetik von Mustern und Farben. Tarver ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Keramik als Kunstform über ihre funktionalen Aspekte hinausgehen kann, um sowohl visuelle als auch taktile Erlebnisse zu bieten.

Im Gegensatz zu traditionellen Methoden, bei denen zunächst die Form des Werkstücks z.B. auf der Töpferscheibe oder durch Aufbau- oder Plattentechniken gestaltet wird, beginnt Tarvers kreativer Prozess mit der Entwicklung von Mustern und Farbkombinationen. Sie entwirft Schablonen, indem sie geometrische Muster digital entwirft, die sie dann mit farbigem Ton (Slip) auf flache Tonplatten überträgt. Daraufhin werden diese in dreidimensionale Formen umgewandelt. Diese Arbeitsweise unterscheidet sich deutlich von klassischen Techniken, bei der die Formgebung im Vordergrund steht. „Ich bin besessen von Mustern“, sagt Tarver und beschreibt, wie sie am Computer geometrische Muster entwirft und in Schablonen umsetzt.

Um die Muster auf die Oberfläche zu übertragen, werden diese Schablonen auf feuchte Tonplatten aufgebracht und mit einer farbigen Tonmasse (dem so genannten Slip) bestrichen. Ähnlich dem Siebdruckverfahren entstehen auf diese Weise in mehreren Arbeitsgängen verschiedene Farbaufträge, die später im Brand die farbige Glasur ergeben. Während gewöhnlich Keramikkünstler Glasuren oder Maltechniken für Oberflächendekorationen erst nach der Formgebung verwenden, integriert Tarver ihre Designs bereits in den Ton von Beginn an. Mit diesem innovativen Ansatz schafft Tarver Werke, die eine faszinierende Symbiose von Kunst und Handwerk darstellen.

Mein kreativer Prozess verläuft nicht von der Form zur Oberflächengestaltung, sondern umgekehrt. Ich beginne mit der Entwicklung eines grafischen Musters, das mit Adobe Illustrator erstellt und verfeinert wird. Ich spiele mit Maßstab, Schichtung und Farbe, bis ich ein Design habe, das mir gefällt. Das Muster ist der Ausgangspunkt für die Gestaltung des Objekts.

Tarvers Herstellungsprozess ist eine sorgfältige Kombination aus handwerklicher Technik und kreativer Experimentierfreude. Der Druckprozess, in dem sie mit flüssigem Ton arbeitet, ist ein entscheidender Teil ihrer Arbeit und wird mit höchster Präzision durchgeführt. Sie verwendet eine Vielzahl von Schablonen, die sie von Hand oder mit Hilfe von Schablonenschneidemaschinen anfertigt. Die Schablonen ermöglichen es ihr, bis zu sechs Schichten von farbigem Ton (Slip) auf die feuchten Tonplatten aufzutragen, wobei jedes Schichtdesign das vorherige überlagert. Dieser Schichtungsprozess sorgt für die lebendige, dynamische Erscheinung der komplexen Muster und verleiht ihren Arbeiten eine nahezu malerische Qualität und Tiefe. Dieses Technik unterscheidet sich von einfacheren Dekorationsmethoden wie Lasurmalerei oder dem Auftragen einzelner Farbschichten. Das Verfahren erinnert an Drucktechniken, wird jedoch vollständig von Hand ausgeführt, was eine genaue Kontrolle des Designs ermöglicht.

Bildschirmfoto 2025-01-18 um 15.41.23
Winter is Coming Hand colored and printed stoneware, clear glaze, 2023 © Heidi Tarver
Bildschirmfoto 2025-01-18 um 15.41.01
Winter is Coming Hand colored and printed stoneware, clear glaze, 2023 © Heidi Tarver

Geometrie und Ästhetik und der Einfluss von traditionellen und modernen Mustern

Ein weiterer zentraler Aspekt ihrer Arbeit ist das ständige Ausloten der Möglichkeiten des Materials. Während sie mit der Tonplatte arbeitet, stellt sich Tarver immer wieder Fragen wie: „Wie weit kann ich diese flache Tonplatte in eine runde Form bringen?“ und „Wie dünn kann ich die Wände gestalten, bevor sie zusammenbrechen?“. Diese Experimentierfreude und das ständige Hinterfragen der Grenzen des Materials halten ihre Arbeiten so lebendig und aufregend. 

Tarvers Leidenschaft für geometrische Formen und deren Umsetzung in dreidimensionale Objekte ist stark von künstlerischen Einflüssen geprägt. Sie selbst verweist auf Werke von Künstlern und Designern wie Antoni Gaudí, William Morris und Yayoi Kusama, deren innovative Ansätze in der Formensprache und deren Fähigkeit, Muster und Farben in neue, ungewohnte Bahnen zu lenken, sie inspiriert haben. Insbesondere die für Kusama charakteristischen Punkte und Netze aus sich wiederholenden Elementen finden in Tarvers Arbeiten, die ebenfalls auf symmetrischen und rhythmischen Mustern basieren, eine Parallele. Beide Künstlerinnen nutzen die Wiederholung als zentrales Gestaltungsprinzip. Darüber hinaus lässt Tarvers Verwendung von symmetrischen Mustern und Rapporten auch eine Verwandtschaft zu den Ornamenten der Arts-and-Crafts-Bewegung und des Art Déco erkennen, die Wert auf detailreiche, handgefertigte Dekore legten.

Die geometrischen Muster, die sie entwickelt, sind oft von einer Vielzahl kultureller und historischer Quellen inspiriert, darunter islamische Arabesken, japanische Wagara-Muster wie die stilisierte Kirschblüte oder traditionelle amerikanische Quilts und osteuropäische Textilien. Tarvers Fähigkeit, diese Elemente zu variieren und neu zu interpretieren, verleiht ihren Arbeiten eine einzigartige zeitgenössische Wendung. Somit sind die Muster ihrer Keramikobjekte sind nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional und oft so gestaltet, dass Formen und Muster in einen Dialog treten.

In einer Zeit, in der Massenproduktion und digitale Reproduktionen das Kunsthandwerk zunehmend dominieren, setzt Tarver auf die Bedeutung des handgefertigten Unikats. Ihre Arbeiten bieten die Möglichkeit, über das Handwerk nachzudenken und den Wert von handgefertigten Einzelstücken zu schätzen. Jedes Stück von Tarver hat nicht nur durch seine Form, sondern auch durch die Komplexität der Schichtungen und Farbnuancen eine Unverwechselbarkeit und ihr Ansatz, im kreativen Prozess vom Muster zur Form zu arbeiten, macht ihre Objekte zu etwas Besonderem: Sie fordern nicht nur die ästhetische Wahrnehmung des Betrachters heraus, sondern auch die Beziehung zwischen Kunstwerk und Handwerk. Tarver lädt uns ein, die Schönheit und Bedeutung des Handwerks wiederzuentdecken und die transformative Kraft von Kunst und Material zu erkennen.

Praktische Informationen

HEIDI TARVER

Um mehr von ihren Arbeiten zu sehen, besuchen Sie ihre Website oder/und folgen ihr auf instagram@heiditarver.

www.heiditarver.com

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