Eine Kulturgeschichte der Tasche

Kaum ein Gegenstand ist so eng mit unserem Alltag verknüpft wie die Tasche. Sie ist praktisch, stilvoll und in vielen Fällen ein Statement. Doch wie ist sie entstanden, wie hat sie sich entwickelt, und was verrät sie über uns? Das Deutsche Ledermuseum in Offenbach am Main widmet sich noch bis zum 10. August 2025 der spannenden Kulturgeschichte dieses treuen Begleiters in der Ausstellung „Immer dabei: Die Tasche“. Mehr als 200 Exponate aus drei Jahrtausenden erzählen von der vielseitigen Bedeutung eines Alltagsobjekts, das zugleich Modeartikel und Luxusgut ist.

Die Tasche hat eine lange und faszinierende Geschichte, die weit über ihren praktischen Nutzen hinausgeht. Bereits in der Antike wurden Taschen und Beutel aus Leder oder Pflanzenfasern genutzt, um Wertgegenstände und Lebensmittel zu transportieren. Im Mittelalter waren Gürteltaschen ein Statussymbol, das oft mit aufwendigen Stickereien und Verzierungen versehen war. Männer und Frauen trugen diese Taschen gleichermaßen, da Kleidung damals noch keine integrierten Taschen bot.

Die Bedeutung der Tasche variiert nicht nur im Lauf der Geschichte, sondern auch zwischen verschiedenen Kulturen weltweit. Jedes Kulturgebiet hat seine eigenen Traditionen und Designs hervorgebracht, die die lokale Handwerkskunst und die Bedürfnisse der Gesellschaft widerspiegeln. In der chinesischen Kultur haben Taschen eine lange Tradition, die bis in die Zeit der Tang-Dynastie (618–907) zurückreicht. Beutel, die als He Bao bekannt sind, wurden aus Seide oder Baumwolle gefertigt und oft mit kunstvollen Stickereien verziert, die Glück und Wohlstand symbolisierten. Diese Taschen wurden am Gürtel getragen und dienten sowohl praktischen als auch dekorativen Zwecken. Besonders berühmt waren Tabakbeutel aus feinster Handarbeit, die im 19. Jahrhundert zum Statussymbol avancierten.

Auf dem afrikanischen Kontinent spielten Taschen und Beutel eine zentrale Rolle in sozialen und spirituellen Kontexten. In Westafrika wurden zum Beispiel Ledertaschen oft von Nomadenvölkern wie den Tuareg gefertigt. Diese Taschen dienten nicht nur als Transportmittel, sondern trugen auch traditionelle Muster und Symbole, die Geschichten oder Zugehörigkeiten erzählten. Besonders in Nigeria sind Aso-Oke-Beutel, gefertigt aus handgewebtem Stoff, ein wesentlicher Bestandteil traditioneller Festkleidung.

In Südamerika schließlich ist die Tasche tief in der indigenen Handwerkskunst verwurzelt. So sind die Mochilas der Wayuu, einer indigenen Gemeinschaft in Kolumbien und Venezuela, für ihre farbenfrohen Muster bekannt, die die Kosmologie und Geschichten des Stammes repräsentieren. Diese Taschen werden aus Baumwolle oder Sisalfasern handgefertigt und symbolisieren die Verbindung zwischen Mensch und Natur. Ebenfalls bemerkenswert sind Taschen aus den Anden, die aus Alpakawolle gefertigt werden und oft in den traditionellen Farben der Region gehalten sind.

Bügeltasche, Frankreich um 1910.
© Deutsches Ledermuseum, M. Url
Handarbeitsbeutel in Form einer Lyra, vmtl. Wien 1830, ©Deutsches Ledermuseum, M.Url

Funktionsträger und Statussymbol

Ob die symbolischen Stickereien Chinas, die spirituellen Muster Afrikas oder die naturinspirierten Designs Südamerikas – Taschen sind weltweit Ausdruck von Identität, Kultur und Handwerkskunst. Diese globale Vielfalt unterstreicht, wie universell und doch einzigartig die Bedeutung der Tasche ist, und dass sie nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein Spiegelbild der sozialen und kulturellen Vielfalt ist, die sie umgibt.

Im Europa des 18. Jahrhundert entwickelte sich die Tasche dann zunehmend zu einem modischen Accessoire. Der Pompadour, ein kleiner Stoffbeutel, wurde von Frauen der gehobenen Gesellschaft getragen. Hergestellt aus feinen Stoffen wie Seide oder Brokat, war er weniger ein Gebrauchsgegenstand als ein Ausdruck von Eleganz. Diese Taschen begleiteten ihre Trägerinnen bei gesellschaftlichen Anlässen und boten Platz für kleine Gegenstände wie Parfumflakons oder Taschenspiegel. Die Industrialisierung und die Einführung von Eisenbahnen revolutionierten nicht nur das Reisen, sondern auch die Tasche. Reisetaschen und Koffer wurden entwickelt, um den neuen Mobilitätsbedürfnissen gerecht zu werden. Diese Modelle waren nicht nur größer, robuster und funktional, sondern auch Statussymbole des wohlhabenden Bürgertums. Mit der Verbreitung von Dampfschiffen und internationalen Reisen kamen Designs auf, die Eleganz und Funktionalität vereinten. Das 20. Jahrhundert brachte die Entwicklung der Handtasche, wie wir sie heute kennen. Mit dem Aufstieg berufstätiger Frauen wurde die Tasche nicht nur praktischer, sondern auch größer.

Die Offenbacher Ausstellung „Immer dabei: Die Tasche“ unternimmt diese kulturelle Zeitreise, begonnen mit einem Altägyptischen Lederbeutel, über mittelalterliche Gürteltaschen bis zu den ersten Reisetaschen des 19. Jahrhunderts. Moderne Klassiker wie Luxushandtaschen von Hermès und Prada fehlen ebenso wenig wie eine biologisch abbaubare Einkaufstüte – ein Symbol für den Innovationsgeist, der die Tasche bis heute prägt. Neben der Funktionalität und dem Statussymbolcharakter entwickelte sich die Tasche im 21. Jahrhundert auch zu einem Medium für Kunst und Design. Moderne Materialien wie Kunststoff, recycelte Stoffe oder sogar biologisch abbaubare Materialien erweitern die Möglichkeiten des Designs. Künstlerische Experimente und unkonventionelle Formen machen die Tasche heute zu einem Objekt, das nicht nur Gebrauchsgegenstand, sondern auch kultureller Kommentar ist.

Offenbach - Stadt deR Ledermanufakturen

Vor diesem kulturhistorischem Hintergrund wird in der Ausstellung auch gezeigt, wie sehr sich die Materialität der Tasche über die Jahrhunderte hinweg ständig gewandelt hat: Von exotischen Materialien wie Krokodilleder oder dem Panzer eines Gürteltiers bis hin zu alternativen Werkstoffen wie biologisch abbaubarem Kunststoff – wobei sicherlich ein Höhepunkt eine Tasche aus Apfelkernen aus dem Jahr 1900 und ein japanischer Tabakbeutel aus einer Kokosnussschale sein dürften.

Darüber hinaus beleuchtet die Ausstellung aber nicht nur die Funktionalität der Tasche, sondern auch ihre Rolle als Statussymbol mit Designertaschen der Marken wie Gucci oder Louis Vuitton, die unvergleichbar für Luxus und Individualität stehen. Marken wie Chanel und Hermès etablierten die Handtasche endgültig als Luxusgut. Ikonische Modelle wie die Kelly Bag (benannt nach Grace Kelly) oder die Birkin Bag (benannt nach Jane Birkin) sind bis heute Synonyme für handwerkliche Exzellenz und unverkennbares Stilbewusstsein.

Als Zentrum feiner Ledermanufaktur und Lederwarenproduktion liegt naturgemäß in der Offenbacher Ausstellung ein weiterer Schwerpunkt auf eben diese Tradition. Unternehmen wie Goldpfeil und Comtesse genossen Weltruf und machten die Stadt zum Synonym für hochwertige Handwerkskunst. Heute führen Labels wie TSATSAS diese Geschichte fort und verbinden sie mit zeitgenössischem Design und modernen Ansprüchen.

Interaktive Stationen und eine Kooperation mit der Hochschule Pforzheim machen die Ausstellung zu einem multimedialen Erlebnis. Besucherinnen und Besucher können eigene Entwürfe gestalten oder mehr über die Fertigungstechniken erfahren. Diese Verbindung von Tradition, Innovation und Design macht „Immer dabei: Die Tasche“ zu einer sehr sehenswerten Ausstellung – und einem Tipp für alle, die Mode, Kunsthandwerk und dieses Accessoire, das unser aller Leben prägt, besonders lieben: die Tasche. Die Ausstellung „immer dabei: Die Tasche“ beleuchtet die Entwicklung, Vielfalt und kulturelle Bedeutung dieses Gebrauchsgegenstands und zeigt, wie Tradition und Moderne, Handwerk und Design, Kunst und Alltag darin verbunden sind.

Titelbild: Reisetasche Bon Voyage, Europa 2. Hälfte des 19. Jahrhundert © Deutsches Ledermuseum, M.Url.

Praktische Informationen

immer dabei: DIE TASCHE

12. Oktober 2024 bis 10. August 2025

Ledermuseum
Frankfurter Str. 86
63067 Offenbach am Main

Öffnungszeiten:
Mittwoch bis Freitag, 10.00 bis 17.00 Uhr,
Wochenende: 11.00 bis 18.00 Uhr

 ledermuseum.de

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