Die Kulturgeschichte des Saris ist tief in der indischen Gesellschaft verwurzelt und reicht tausende Jahre zurück. Dieses Kleidungsstück ist weit mehr als bloße Mode: Es symbolisiert kulturelle Identität, Tradition und sozialen Status. Der Sari ist Ausdruck von Eleganz und Vielseitigkeit, wobei jede Trägerin ihre Persönlichkeit und ihren individuellen Stil zum Ausdruck bringen kann. Von Generation zu Generation weitergegeben, reflektiert er die reiche kulturelle Vielfalt Indiens.
Historisch gesehen war der Sari ein so wichtiges Element des persönlichen und kulturellen Ausdrucks, dass Frauen eigene Weber als Teil ihrer Mitgift in die Ehe brachten. Bis heute besteht eine tiefe, identitätsstiftende Verbundenheit zwischen den Inderinnen und diesem Kleidungsstück. Der Sari repräsentiert eine Kultur, die designgeschichtlich mindestens tausend Jahre zurückverfolgt werden kann. In den verschiedenen Regionen Indiens trägt er unterschiedliche Namen wie lugda, dhoti, pata, seere, sadlo oder kapad.
Ein zentrales Merkmal des Saris ist, dass er aus einteiligen oder mehrteiligen Stoffbahnen besteht, die durch Wickeltechniken fixiert werden. Genäht oder durchstochen wird er nie, um den Anspruch von Reinheit und Einfachheit zu wahren. Diese Technik erlaubt nicht nur Variationen in der Wickelweise, sondern macht den Sari auch zu einem flexiblen und anpassungsfähigen Kleidungsstück. Frauen können ihn praktisch für die Arbeit, elegant für festliche Anlässe oder individuell für den Alltag binden. Die Wickelkunst verleiht dem Sari damit eine unvergleichliche Vielseitigkeit.
Regionale Vielfalt und kunstvolle Herstellung
So vielfältig wie Indien selbst ist, so mannigfaltig sind die Modelle und Designs des Saris. Jede Region hat ihre eigenen Stilrichtungen und Herstellungstechniken. So ist die Kashida Ari-Stickerei aus Kaschmir berühmt für ihre lyrische Ausdruckskraft, illustriert sie die üppige Landschaft und florale Vielfalt der Region. De Chikankari-Sari aus Uttar Pradesh ist bekannt für seinen durchsichtigen Stoff und exquisite Fadenstickereien.
Der Jute-Sari aus Westbengalen fäät durch seine natürliche Faserstruktur mit einem einzigartigen goldschimmernden Glanz besonders auf. Schließlich wird der Banarsi-Sari aus Varanasi für seine Mogul-inspirierten Muster und seine aufwendigen Designs geliebt, die häufig bei Hochzeiten getragen werden.
Ein besonders populäres Motiv auf Saris ist das Paisleymuster, das aus Persien stammt und das Leben und die Ewigkeit symbolisiert. Es wurde in Indien verbreitet und prägte die Textilherstellung über Jahrhunderte hinweg. Im 18. Jahrhundert fand das Muster über die britische East India Company seinen Weg nach Europa und wurde besonders in der viktorianischen Zeit berühmt.
Die Herstellung eines Saris ist ein kunstvoller und arbeitsintensiver Prozess, der traditionell in den Händen erfahrener Handwerker liegt. Diese wählen Materialien wie Seide, Baumwolle oder Mischgewebe und färben sie mit natürlichen oder synthetischen Farbstoffen. Verschiedene Techniken wie Blockdruck, Handbemalung und Stickerei werden genutzt, um die komplizierten Designs zu erstellen.
Die beeindruckende Farbenpracht der Saris, die uns heute als charakteristisches Merkmal begegnet, ist jedoch eine recht junge Errungenschaft. Erst im späten 19. Jahrhundert wurden chemische Farbstoffe eingeführt. Bis dahin waren weiße Saris weit verbreitet, was nicht nur Kostengründen geschuldet war, sondern auch der Idee von Reinheit und Zurückhaltung Ausdruck verlieh.
Der moderne Wandel des Saris
Mit der Industrialisierung und Globalisierung hat sich die Herstellung und Nutzung des Saris stark verändert. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdrängten industrielle Webereien und Spinnereien die traditionellen handbetriebenen Webstühle. Dies führte zu einem starken Rückgang der Handwerkskunst, während gleichzeitig Billigimporte aus China den Markt überschwemmten.
Auch das veränderte Modebewusstsein der indischen Frauen trägt dazu bei, dass der Sari im Alltag zunehmend in den Hintergrund tritt. Stattdessen wird er häufiger bei besonderen Anlässen wie Hochzeiten getragen. Dennoch hat der Sari in der modernen Modewelt seinen Platz gefunden: Neue Materialien, innovative Muster und kreative Drapiertechniken machen ihn auch für jüngere Generationen wieder attraktiv.
Der Sari ist mehr als ein Kleidungsstück – er ist ein Symbol für Tradition, Vielfalt und Wandel. Von seiner reichen historischen Bedeutung bis hin zu seiner modernen Transformation zeigt der Sari, wie kulturelle Identität und Mode miteinander verflochten sind. Mit seiner einzigartigen Fähigkeit, persönlichen Ausdruck und praktischen Nutzen zu verbinden, bleibt der Sari ein faszinierendes Zeugnis indischer Kultur.
Literatur zum Thema
Martand Singh, Rta Kapur Chishti (Hrsg.)
Sari: Das schönste Kleid der Welt, 2012, DuMont, ISBN-10 3832194584
Dieses Buch liefert einen Überblick zum Thema Sari: Alles über die Stoffmuster, Wickeltechniken, Herkunftsgebiete und seine Traditionen mit sozialen, kulturellen und ökonomischen Hintergründen. Bundesstaat für Bundesstaat und Ort für Ort dokumentiert dieser prächtige Band das gesamte Spektrum an Webern und Stoffdruckern in jenen 14 Distrikten Indiens, die Saris herstellen. Designs, Farben, Formate, Formen und Techniken machen die glanzvolle Vielfalt dieses einmaligen Kleidungsstückes aus. Die anschauliche Darstellung von 108 Wickeltechniken dokumentiert zusätzlich die faszinierenden Spielarten dieses Gewandes.





